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Musiktherapie erstmals in Behandlungsleitlinie Parkinson verankert

Unter dem Dach der Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) wurde dieses Jahr eine neue Behanldungsleitlinie für Morbus Parkinson (auch: ideopathisches Parkinsonsyndrom) herausgeben. Erstmals werden dort musiktherapeutische Behandlungsansätze wie Gangtraining mit Musik, therapeutisches Singen und Gruppenmusiktherapie als mögliche therapeutische Optionen bei dieser neuro-degenerativen Erkrankung aufgeführt (Langversion Kap. 2.5.8; 217-220).

Damit trägt die Leitlinie der verbesserten wissenschaftlichen Nachweislage der Musiktherapie Rechnung. Diese Datenlage ist im Falle von Parkinson auch bei den etablierteren Therapieverfahren wie Physiotherapie, Logopädie und Ergotherapie insgesamt noch recht dünn. Obwohl sich alle Experten einig sind, dass regelmäßige Therapie (wie Physiotherapie und Logopädie) den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen kann, herrscht weitestgehend Unklarheit darüber, welche Therapie für welchen Verlaufstyp den besten Erfolg garantiert. Die wurde jüngst in einer breit angelegten Therapiestudie aus England deutlich. Die im Januar 2016 vorlegte Arbeit von Clarke und Kollegen beschreibt die Effekte einer Kombinationstherapie aus Physio- und Ergotherapie über 3 Montate an 381 Patienten. Das ist eine für Therapiestudien sehr hohe Zahl an Probanden, die normalerweise geeignet ist auch feine Unterschiede zu einer unbehandelten Kontrollgruppe herauszufinden. In dieser Arbeit jedoch gab es keine positiven Auswirkungen der Therapien auf die Ausführung von Alltagsaktivitäten oder die allgemeine Lebensqualität. So ein Ergebnis wirft einiges an Fragen auf: Waren es die richtigen Therapieinhalte? Welche Rolle spielt die Therapiefrequenz (untersucht wurde  eine Anwendung von 2 wöchentlichen Einheiten)?  Hätte man die Patienten stärker vorselektieren sollen, z.Bsp. nach tremordominant oder spezifischen Symptomen wie Gangfestination? (Clarke et al. 2016, in S3 Leitlinie nicht berücksichtigt)

Die Parkinsontherapie an Ganzes braucht spezifischere und ausgefeiltere Herangehensweise für klar umrissene klinische Problemstellungen. Sogesehen sollten ermutigende Laborbefunde neuer Behandlungsansätze wie Musiktherapie  konsequenter verfolgt und rasch in die bestehende Versorgung integriert werden. Die neue Leitlinie der AWMF hat dies getan. Durch die Auflistung als mögliche Behandlung erhält der verordnende Arzt jetzt inhaltlich-wissenschaftliche Rückendeckung. Freilich ist die Musiktherapie immernoch nicht abrechenbar, da Krankenkassen nicht daran gebunden sind, diese Leistungen zu refinanzieren. Gleichwohl ist es ein Schritt zu einer tieferen Verankerung von Musiktherapie in klinische Behandlungsroutinen. Die Therapeuten und Forscher sind gefragt, dies durch weitere empirische Wirknachweise zu untermauern.

Clarke, C, Patel, S, Ives, N, Rick, C, Dowling, F, Wooley, R, Wheatley, K, Walker, MF, Sackley, CM. (2016). Physiotherapy and Occupational Therapy vs No Therapy in Mild to Moderate Parkinson Disease. JAMA Neurol. doi:10.1001/jamaneurol.2015.4452
Mainka, S. (2015): Music stimulates muscles, mind, and feelings in one go. In: Sound, Music and Movement in Parkinson's disease. Ed. Marta Bienkiewicz. Front Psychol. 08 Oct 2015. http://dx.doi.org/10.3389/fpsyg.2015.01547
vom 12.Juli 2016



S3 Behandlungsleitlinie Parkinson der AWMF