Musiktherapie als Leitlinienempfehlung bei Demenz und Schlaganfall

2026-06-08. Musiktherapie wird in aktuellen medizinischen Leitlinien zunehmend als evidenzbasierte ergänzende Behandlungsoption berücksichtigt. Besonders in der Versorgung von Menschen mit Demenz und nach Schlaganfall rückt sie stärker in den Fokus. Der Grund dafür ist nicht, dass Musik eine Grunderkrankung heilen könnte, sondern dass strukturierte musiktherapeutische Interventionen bestimmte Symptome gezielt beeinflussen können – etwa kognitive Einschränkungen, depressive Beschwerden, Agitiertheit oder einzelne Funktionsstörungen in der neurologischen Rehabilitation.

In der aktuellen S3-Leitlinie Demenzen der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN e. V.) und der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN e. V.) wird Musiktherapie erstmals ausdrücklich im Kontext nichtmedikamentöser Interventionen berücksichtigt. Die Leitlinie beschreibt damit, dass Musiktherapie als ergänzende Maßnahme eingesetzt werden kann, um Symptome einer Demenz zu lindern und die Lebensqualität zu unterstützen. Besonders relevant ist dies für Bereiche, in denen pharmakologische Behandlungen nur begrenzte Effekte zeigen oder mit Nebenwirkungen verbunden sein können.

Die wissenschaftliche Grundlage für diese Entwicklung ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Musiktherapie kann rezeptiv, etwa durch gezieltes Musikhören mit persönlich präferierter Musik, oder aktiv durchgeführt werden, zum Beispiel durch Singen oder das Spielen von Instrumenten. Eine systematische Übersichtsarbeit über acht randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 689 Patientinnen und Patienten zeigte, dass verschiedene musiktherapeutische Ansätze im Vergleich zu teils ebenfalls aktiven Kontrollbedingungen signifikante Effekte auf die globale Kognition sowie auf einzelne kognitive Teilleistungen, etwa das Gedächtnis, erzielen können. Darüber hinaus werden in der Literatur positive Effekte auf Sprache, Aufmerksamkeit und verbale Flüssigkeit beschrieben. Besonders wirksam erschienen in der Auswertung aktive musiktherapeutische Verfahren, bei denen Patientinnen und Patienten selbst musikalisch handeln, also zum Beispiel singen, rhythmisch begleiten oder instrumental eingebunden werden.

Neben möglichen Effekten auf kognitive Symptome weist die Leitlinie auch auf Einsatzbereiche bei depressiven Symptomen und bei herausfordernden Verhaltensweisen hin. Für Agitiertheit wird die Evidenz besonders hervorgehoben. Das ist klinisch bedeutsam, weil gerade Unruhe, Anspannung oder wiederkehrende Verhaltensauffälligkeiten für Betroffene, Angehörige und Behandlungsteams sehr belastend sein können. Musiktherapie bietet hier einen Ansatz, der beziehungsorientiert, nicht invasiv und individuell anpassbar ist.

Auch in der Schlaganfallrehabilitation wird Musiktherapie beziehungsweise musikgestützte Therapie in Leitlinien und Fachliteratur als relevanter Baustein beschrieben. Genannt werden Einsatzmöglichkeiten unter anderem bei Stimmungsstörungen und Depression, bei 失語症, bei kognitiven Beeinträchtigungen wie Aufmerksamkeitsstörungen oder Neglect sowie bei sensomotorischen Einschränkungen. Hintergrund ist, dass musikalische Reize gleichzeitig auditive, motorische, emotionale und kognitive Netzwerke aktivieren können. Dadurch ergeben sich in der Neurorehabilitation therapeutische Ansatzpunkte, die konventionelle Verfahren sinnvoll ergänzen.

Für die Praxis bedeutet das: Musik wird nicht nur zur Aktivierung oder Unterhaltung eingesetzt, sondern als therapeutisch strukturiertes Medium. Rhythmus kann Bewegungsabläufe unterstützen, Melodie und Prosodie können sprachliche Prozesse anbahnen, und musikalische Interaktion kann Aufmerksamkeit, Motivation und emotionale Regulation fördern. Welche Methode im Einzelfall geeignet ist, hängt jedoch immer von Zielsetzung, Störungsbild und Rehabilitationsphase ab.

Literatur

Mader FM, Schwenke R; Ständige Leitlinien-Kommission der DEGAM. DEGAM-Leitlinie Nr. 8: Schlaganfall. S3-Leitlinie. Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). Stand 02/2020, selektives Update/Addendum 2022. AWMF-Register-Nr. 053-011.

Bleibel M, El Cheikh A, Sadier NS, Abou-Abbas L. The effect of music therapy on cognitive functions in patients with Alzheimer’s disease: a systematic review of randomized controlled trials. Alzheimer’s Research & Therapy. 2023;15(1):65. Published 2023 Mar 27. doi:10.1186/s13195-023-01214-9.

Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN e. V.), Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN e. V.) (Hrsg.). S3-Leitlinie Demenzen (Living Guideline), Version 5.0, Fassung vom 28.02.2025. AWMF-Registernummer 038-013. Verfügbar über das AWMF-Leitlinienregister.